Früher waren sie alle Indies

Kurator Dr. Patrick Ruckdeschel von „extralife“ zu seinem Leben als Gamer

Ruckdeschel-Unity3DGame

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Computerspiele gehören zur Kultur des 21. Jahrhunderts. Auf diesen Umstand und nicht nur auf diesen möchte „extralife – eine Ausstellung zur Videospielkultur“ hinweisen, die vom 9. Oktober bis zum 22. November im Kunsthaus im KunstKulturQuartier im Rahmen von net:works zu sehen sein wird. Zum Kuratorenteam gehört der Künstler und Medienpädagoge Dr. Patrick Ruckdeschel.

net:works: Patrick, du hast über Computerspiele promoviert, wie lange beschäftigt sich so jemand mit diesen Games? Wann und wie ging es bei dir los?

Schon im Alter von acht Jahren. Unsere Großtante hatte damals das Nintendo NES – die erste Nintendo-Konsole. Da wurde dann ICE CLIMBER gezockt und unsere Großtante ermutigte uns immer zum „Fegen! Fegen! Fegen!“ obwohl man eigentlich Schneeflocken und nicht Staubflusen ausweichen musste.

net:works: Und wie ging es dann weiter?

Ganz klassisch: Bei Kumpels zocken, dann die Eltern überzeugen, dass Computer die Zukunft sind (Hausaufgaben, Adressen speichern) und dann ging´s an die Beschaffung, d.h. Zeitung austragen und Kastanien sammeln. Damit war dann bald ein Amiga 500 drin. Die Konsolen kamen über Tauschhandel rein und raus – insgesamt hatten wir Kids immer unterschiedliche Plattformen am Start.

net:works: Eine Gruppe von Kids und nicht der typische „nerd“, der stundenlang allein vor seinem Rechner sitzt und die Welt außen nicht mehr wahrnimmt?

Nein, ganz im Gegenteil –Multiplayer war damals schon der Hit! North&South, Double Dragon, das lief alles schon besser in der Gruppe als alleine. Grundsätzlich waren wir aber eh keine Stubenhocker. Rodeln oder Fahrrad-Fangen haben das Zocken immer klar ausgestochen.

net:works: Klingt sehr idyllisch, nie ganze Nächte durchgezockt? Oder später das Gefühl bekommen, dass man es vielleicht etwas übertreibt?

Sicher, sicher – Nächte durchzocken gehört auch dazu, das haben wir erst neulich wieder gemacht als Retro-Nacht. Damals ging´s eben nur heimlich mit Fernseher auf leise. Die kritische Sicht hatte ich dann eher später, bei World of Warcraft, das ein extremer Zeitfresser ist. Das war dann auch nicht mit Kumpels, sondern „nur“ online. Da braucht´s dann schon die Einsicht, dass es auch zu viel werden kann.

Patrick-Ruckdeschelnet:works: Du hast ja jetzt knapp 30 Jahre Zocker Erfahrung, wie haben sich Videospiele seitdem ausdifferenziert oder verändert?

Freilich gibt’s heute mehr Spiele und auch komplexere Spiele, aber die Ausdifferenzierung im Gameplay ist bei weitem nicht so groß wie man annehmen sollte. Dadurch dass Gaming heute “Big Business“ ist, kommen auch immer häufiger die gleichen massentauglichen Spielkonzepte zum Tragen. Nicht umsonst spricht die Zeitschrift „Gamestar“ schon von der „Ubisoft-Formel“[1]. Früher gab´s mehr Exoten unter den Games.

net:works: Aber jenseits des Mainstreams entwickelt sich doch eine ganz lebhafte Indie-Szene, die ab und an auch den Großen manchmal das Fürchten lehrt?

Richtig! Früher waren sie halt alle Indies. Das waren teilweise Ein- bis zwei Mann-Produktionen und wenn die beiden ne schräge Idee hatten, dann gab´s eben keinen dritten, der da widersprochen hat. Dass es nun eine explizite Indy-Szene gibt zeigt letztlich auch die vorherige Dominanz großer (und bisweilen langweiliger) Publisher.

net:works: Jenseits des privaten Vergnügens mit den Spielen: womit beschäftigt sich der Wissenschaftler Patrick heute?

Ich bin an der Entwicklung eines Ausbildungsspiels für Sanitäter beteiligt. Meine Aufgaben sind u.a. das didaktische Design. Das schlägt sich nicht nur im Leveldesign nieder, sondern auch in Konzepten wie „adaptiven Gameplay“, also dass das Spiel sich auf die Leistungen des Spielers einstellt und ihm passende Herausforderungen stellt.

net:works: Mit Computerspielen lernen?

Klingt wie eine Ausrede zum Zocken, aber tatsächlich lernt jeder Spieler während des Spielens – ganz einfach indem er im Spiel besser wird. Er versteht, worauf es ankommt. In unserem Sanitätsprojekt geht’s daher darum, dass die entscheidenden Inhalte auch in der Spiellogik verankert sind, um beim User anzukommen – und dabei auch noch Spaß machen.

net:works: In Zukunft Mathe mit Computerspielen lernen?

Das gab´s ja schon 1983 in DONKEY KONG JR MATH, ein grauenvolles Game bei dem man an Lianen baumelt und Quersummen bildet. Es gibt also noch Potenzial nach oben und wie man dieses Potential ausreizt ist ein Riesenthema in der pädagogischen Forschung, freilich auch in unserem Projekt.

 

Dr. Patrick Georg Ruckdeschel studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und arbeitet nun an der Universität der Bundeswehr in München im Bereich Medienpädagogik. Er promovierte über Videospielanalyse und entwickelt aktuell für Nintendo ein Indie-Game.

„extralife“ ist vom 9. Oktober bis 22. November im Kunsthaus im KunstKulturQuartier zu sehen. Link zur Veranstaltung

Interview mit dem Mitglied im Kuratorenteam Ulrich Tausend hier.

 

[1] Ubisoft Entertainment S. A. ist ein Spieleentwickler und Publisher aus Frankreich. Mit Niederlassungen in über 20 Ländern ist Ubisoft einer der größten Spielepublisher weltweit, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Ubisoft

Rainer Hertwig am 17. Juni 2015

1 Kommentar

  • extralife - Eine Ausstellung zur Videospielkultur - tausendMedien

    […] Interview mit mir und meinem Kurator-Kollegen Patrick Ruckdeschel […]

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