Spitze Winkel treffen auf abgerundete Ecken

Über die Arbeit an einer neuen Schrift

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Mona Franz, Foto: David Rasche

Bei der Erstellung eines Corporate Designs wie für das neue Großraum-Festival net:works steht die Entwicklung und grafische Gestaltung des Logos mit an erster Stelle. Weniger auffällig, aber deswegen oft umso wichtiger, ist die Auswahl der Schrift für das Erkennungsbild eines Festivals. Wir haben uns für die „Franz Sans“ entschieden, entwickelt hier in der Region als Abschlussarbeit der Designstudentin Mona Franz. Wir haben uns mit ihr über die Gestaltung von Schrift unterhalten.

 

net:works: Mona, du hast an der Ohm-Hochschule Design studiert und als Abschlussprojekt eine eigene Schrifttypo entwickelt. Wie kommt man dazu, sich für Typografie zu interessieren, wo es doch im Designbereich bestimmt weniger altmodische Gebiete gibt?

Mona Franz: Richtig, ich habe an der Ohm studiert und es war eine tolle Zeit. Ich glaube jeder interessiert sich irgendwie für Schrift, weil es einen großen Teil unserer Kommunikation ausmacht. Aber als ich zuvor in München zwei Semester studiert habe, wurde mir Kalligrafie beigebracht, also »Schönschreiben« mit Feder und allem Drum und Dran. Das ist wirklich altmodisch. Aber im Nachhinein bin ich dem guten Herrn Peikert doch sehr dankbar für diese Grundbausteine.

Als Designerin muss man sich eben doch mehr mit Schriften auseinandersetzen und das Fach Typografie, das ich an der Hochschule belegt hatte, hat genau einen Aspekt völlig außer Acht gelassen – die Schriftgestaltung. Und deswegen war ich wahrscheinlich da umso interessierter.

 

networks_blauInvert_RGB[mittel]net:works: Wie geht man eigentlich vor, wenn man eine Schrift entwickelt?

Mona Franz: Also die Frage, die sich mir zuerst gestellt hatte, war: Wie geht man vor, wenn man sowas noch nie gemacht hat? Und deshalb habe ich mir viel Zeit genommen, um Bücher zu lesen, Blogs zu durchforsten und Leute zu fragen. Und dann muss man einfach loslegen. Man lernt ja oft beim Machen.

 

net:works: Hat man da Vorbilder im Kopf?

Mona Franz: Immer. Aber das ist wie bei jeder Inspiration, man muss sich Sachen genau angucken und zwar viele und dann kann man auch erst entscheiden, was gut und schlecht ist und was man besser oder einfach anders machen kann. Erik Spiekermann hat mir zum Beispiel den Tipp gegeben, einfach Schriften nach zu zeichnen und dann nach ein paar Tagen noch einmal frei zu zeichnen. Da kommen ganz neue Ideen bei raus.

net:works: Und wie geht der Prozess des Entwickelns? Entwirfst du da noch mit der Hand oder ist alles digital?

Mona Franz: Ich habe am Anfang, bevor ich mir das Schriftgestaltungsprogramm Glyphs angeeignet habe, noch sehr viel gezeichnet, aber irgendwann fühlt man sich hinein und man zeichnet bis auf kleine Skizzen fast nur noch mit Pfaden am Computer.

net:works: Gibt es einen Buchstaben mit dem du gerne anfängst?

Mona Franz: Bei einem Workshop, den ich an der Hochschule gegeben habe, hatte ich das Gefühl, dass alle am liebsten mit ihren Initialen anfangen. Ich habe bei der Franz Sans mit einem »n« angefangen, glaube ich. Man muss einfach Lust haben und dann kommt man am Ende oft so zu den »Problembuchstaben«, Buchstaben wie das »s« oder »r«.

net:works: Was macht die zwei denn zu „Problembuchstaben“?

Mona Franz: Das »r« ist deshalb so schwierig, weil es besonders in kleinen Größen so leicht mit dem »n« verwechselt werden kann und durch den Bogen oft ein zu großes Loch in einrsn Schriftsystem reist. Und das »s« hat zum einen die Tendenz schnell nach links oder nach rechts zu kippen und zum anderen ist wenig Platz, um die Schwünge gut hinzubekommen. »Buchstaben kommen selten allein« (Indra Kupferschmid) und da war das »s« auch vom Grauwert her eine große Herausforderung. Besonders Spaß hat mir das große Eszett gemacht. Das haben nicht so viele Schriften, was sehr schade ist. Aber Ralf Hermann hat nicht nur eine Facebook Gruppe dazu gegründet, sondern betont auch auf dieser Seite seine Wichtigkeit.

net:works: Deinen eigenen Font hast du Franz Sans genannt. Was ist das Besondere daran?

loMona Franz: Das Besondere an der Franz Sans sind die Formen und Kontraste: Spitze Winkel treffen auf abgerundete Ecken und ergeben ein kraftvolles und zugleich freundliches Schriftbild. Normal stehen so geometrische Schriften oft wie Soldaten nebeneinander. Da ich die Schrift vor allem im Headline- und Logo-Bereich sehe, habe ich versucht die Formen so zu zeichnen, dass sie eine Verbindung mit dem nächsten Buchstaben eingehen, ohne sich zu berühren. So haben die Versalbuchstaben der Franz Sans oft noch eine kontextbedingte Variante. Das heißt, man tippt z.B ein »L« und dann ein »O« und das »L« tauscht sich aus durch ein abgeschrägtes »L«. Es passt sich zum einen an die Rundung vom O an und zum anderen schafft man eine geringere Lücke, die das „L“ natürlicherweise hat. Diese Funktion würde ich aber in kleinen Schriftgrößen ausschalten, sonst bildet das Auge vielleicht eine ungewollte Ligatur. Die Franz Sans bietet auch noch ein paar andere Open-Type-Features. Aber das sieht man auch gut auf der zugehörigen Seite:  Das besondere für mich ist, dass ich die Franz Sans tatsächlich selbst noch angucken und an weiteren Schnitten arbeiten kann. Aber das Faszinierende an der Schriftgestaltung selbst ist ja, man gibt anderen Gestaltern oft den ersten Baustein für ein neues Design.

 

Die Gestalterin unserer net:works-Schrift arbeitet derzeit fest bei der Corporate Design Agentur Martin et Karczinski in München. Dort haben die Arbeitskollegen die Franz Sans auch gleich verwendet: Bei dem Projekt »Open Kindl – MIA SAN MEHR« wurde die Schrift nicht nur auf Großfläche am Odeonsplatz gezeigt, sondern war auch online und offline bei allen großen Zeitungen zu sehen. Ihr Traum ist es, einmal an einer Hausschrift mitarbeiten zu können. Mal schauen, ob sich da auch die Gelegenheit bietet … 

Rainer Hertwig am 27. April 2015

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