Weine nicht, wenn das Kassettendeck raucht

Ein Streifzug durch Datenwelten

Noch vor der Eröffnung am 27. September nutzte net:works die Möglichkeit, durch die neue Ausstellung des Erlanger kunstpalais‘ „Save the Data! – Von Kunst und Datenträgern“ zu wandern. Und bei nostalgischem Blick auf altes Zeug in neuen Arrangements, kamen wir ins Nachdenken über die Vergeblichkeit sicherer Speicherung und die Vergänglichkeit von Inhalten.

„Wenn es hier schon einmal anfängt, dann fängt man doch am besten mit Anfängen an.“ So ähnlich dachte es sich Gregor Hildebrandt in seinem Bildwerk, collagiert aus lauter Anfängen und Enden alter Kassettenbänder. Ein stiller Moment, der den Betrachter zu Beginn der Ausstellung erwartet, denn diese Anfänge sind leer, noch ohne Ton und Bild nur Material und Farbe. Und er hat recht: diesem Anfang wohnt ein analoger Zauber inne.

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Gregor Hildebrandt: Ich bin ein end und ein beginn (George) – Detail

 

Das Browserfenster als Fenster zur Welt. Statt Malen nach Zahlen, der Frühform digitaler Malkunst, komponiert der Maler Florian Meisenberg seine Gemälde aus sich öffnenden und verschiebenden Menüfenstern, mit Fundstücken aus dem Netz, sorgsam arrangiert in einer Zeitschleife. So treffen sich Kubrick, Hergé und Matt Groening zum Mashup der Bilder: Bildsalat!?

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Florian Meisenberg

 

Wirkt, wie aus einem John-Carpenter-Film der 80er Jahre entsprungen: „Das Kassettendeck des Grauens“. Wie von selbst öffnet sich die Klappe das alten ITT-Gerätes, psychedelische Farben, Musik tönt, es dampft und raucht! Will es uns verschlingen?  Nach einer halben Minute schließt sich die Minidisco und lässt uns mit der Frage allein, warum man da nicht weinen sollte.

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Via Lewandowsky: Don’t Cry

 

Die Baugeschichte kennt Kassettendecken, das kunstpalais dagegen präsentiert einen Kassettenboden. Und zwar literally. Tapes verfolgen uns auf Schritt und Tritt. Aufgerollt auf schallplattengroße Rollen, die Bänder in Epoxidharz gegossen und zu Rechtecken geschnitten, kachelt sich der Boden unter den Füßen. Ach, könnte man die Geräusche und Bilder dieser Tapes doch hör- und sehbar machen! Der Bandsalat hat ausgedient und schweigt.

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Gregor Hildebrandt

Waren Tapes noch dem Braun der 80er Jahre verbunden, schillerte uns die CD in allen Farben des Lichts. Yarisal und Kublitz arrangieren diese Buntheit zur fraktalen Geometrie eines Regenbogens. Ein Regenbogen in einem Regenbogen in einem Regenbogen. Und bevor wir uns darin verlieren, trifft uns die Erkenntnis, dass ein USB-Stick nie diese ästhetische Qualität im Untergang gewinnen wird.

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Ronnie Yrisal, Katja Kublitz: Homegrown 2013 – Detail

The Human remains. Früher wurde, was von uns blieb zu Staub. Heute wird es zur Wolke. Und dank Florian Meisenberg finden wir es in der Dropbox. Und können es in die Cloud hochladen und teilen und herunterladen und teilen und wieder hochladen und weiter teilen … a new circle of life.

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Florian Meisenberg – Detail

 

 

 

 

 

 

Rainer Hertwig am 27. September 2015

1 Kommentar

  • Rainer Safferthal

    Sehr interessant und vor allem sehr schöne Fotos.

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